Der große Wunsch nach Leichtigkeit im Leben

Juli 19, 2017 § Hinterlasse einen Kommentar

Den Wunsch, daß das Leben leichter, bunter, schöner wäre, hege ich auch. Ich mag den Gedanken, daß es doch ganz einfach laufen kann, wenn man nur etwas Mut hat und Schönes macht. Irgendjemand wird es mögen. Man kann so bestimmt sein Leben bestreiten. Man schreibt über Erfolgsgeschichten, weil alles andere sich nicht zu schreiben lohnt, um Mut zu machen und zu inspirieren. Wenn der Gedanke auch noch so schön sein mag: Erfolg haben mit schönen Dingen kann jeder, aber nicht alle.

Ich liebe schönes Papier zum Schreiben, zum Basteln, für Handwerkszeug. Ich liebe es Briefe zu verschicken und Postkarten und ich liebe es, sie selbst herzustellen. Ich male und manche finden es sogar hübsch und das macht mich glücklich, weil ich mir vorstelle, die Welt um mich herum etwas netter und bunter zu gestalten. (Ich meine, wer freut sich nicht über einen Brief oder eine Postkarte?)

Weil ich schöne Illustrationen und Papier mag, kaufe ich mir manchmal die Zeitschrift flow. Ich vermute, ich bin zumindest teilweise Zielpublikum. Frauen, halbwegs klug, mit einem Hang zum Schönen und einer Liebe zum Papier (die Illustrationen sind auch wahnsinnig schön und ansprechend). Leider fürchte ich, daß ich zu kritisch bin und das macht mir diese Schön-Rede-Welt kaputt. Die Artikel sind für mich furchtbar. Es ist immer der gleiche Quark. Man muß sich trauen, dann hat man Erfolg mit seinen Vasen, Schmuck, Bildern, Musik. Was ist eigentlich mit all den Arbeiten, die weniger ästhetisch sind und dennoch erledigt werden müssen, haben diese Menschen keinen Anspruch auf Schönheit im Leben? Sind das nicht auch großartige Erfolgsgeschichten? Die werden, meiner Meinung nach, zu wenig geschätzt. In der letzten Ausgabe (flow Nr 26) gab es einen Artikel über „Mutige Frauen in Afghanistan“ (S. 46-50), in dem es um Frauenrechtlerinnen aus Afghanistan geht, die etwas im Land zu bewirken versuchen. Großartig! Wichtig! Ich habe so gerne über diese Frauen gelesen, weil ich glaube, daß es wichtig ist, die Welt zum besseren zu verändern. (Oder es zumindest zu versuchen.) Eine der Frauen, um die es geht, muß aus Angst vor einem Übergriff wegen Morddrohungen täglich einen anderen Weg zur Arbeit nehmen, um dennoch ihren Radiosender betreiben zu können. Eine andere lebt für Musik und eine dritte für das Radfahren, was ihnen von der männlich dominierten Gesellschaft nicht gestattet ist. Es ist der kleine und große Kampf für Freiheiten, die diese Frauen führen.

Wie gesagt, genoß ich das Lesen über diese Schicksale sehr. Leider machte die Autorin, Nahid Shahalimi, gerade mit dem letzten Absatz ihres Artikels alles zunichte. Sie schrieb, daß die Schicksale dieser Frauen zeigen, daß „man […] nur ein gutes Herz, Leidenschaft und Mut [braucht], um etwas zu bewegen – nicht nur in Afghanistan, sondern überall auf der Welt. Und all das gibt es umsonst, es steckt schon in us.“ Vielleicht bin ich zu kritisch, aber ich stolperte nicht nur über diesen Satz, er schien mich regelrecht im Anlauf ins Gesicht zu boxen. Zum einen glaube ich, daß in jedem Krisengebiet mehr notwendig ist als ein gutes Herz, Leidenschaft und Mut, um etwas zu bewegen. Man muß auch Verbindungen haben, etwas Glück und mindestens einen Menschen, der einen unterstützt. Sonst steht man schnell auf verlorenem Posten. Das zweite, was mir mißfällt ist, daß man das als „leicht“ empfindet. Es klingt wie ein Vorwurf an alle die Frauen, die das nicht können oder tun. „Man braucht doch nur etwas Mut und ein gutes Herz“. Was soll das also, ihr schlechten, leidenschaftslosen Feiglinge? Wärt ihr nicht, wäre die Welt besser! So einfach ist das sicher nicht. Es ist die Erste Welt Mentalität, die anderen aufgedrängt wird und die nicht einmal hier funktioniert! Nur dieser Satz klingt für mich wie eine wahnsinnige Beleidigung aller Menschen, die ihr Leben dem Guten widmen, die dafür kämpfen, daß die Welt besser wird. Warum nicht Anerkennen, daß es eine Leistung ist, für seine Leidenschaften zu kämpfen? Warum muß man sagen, daß alle das können sollten, daß man doch gar nicht so viel dafür braucht?

Es kann eben jeder Erfolg haben, aber nicht alle. Nicht jedem fällt der Erfolg zu, für manche Errungenschaften, Rechte und Freiheiten muß man eben kämpfen. Das ist nicht leicht, egal wie sehr man wünscht, daß es leicht wäre.

Ein paar Gedanken am Nachmittag…

Liebe Grüße

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