Die „perfekte Biographie“

April 27, 2015 § Hinterlasse einen Kommentar

Vor wenigen Stunden besuchte ich einen Vortrag im Rahmen einer Ringvorlesung, der von einem recht angesehenen Professor dieser Uni gehalten wurde. In der Vorstellung bemerkte die Damen die „perfekte Biographie“, die scheinbar keine Lücken aufweist, der man jedoch entnehmen kann, daß der Herr insgesamt 6 Jahre auf zwei Universitäten studierte. Dies war vor einigen Jahren noch Gang und Gebe. Nun sehen perfekte Biographien anders aus, indem man bemüht ist, Studenten schnell durch ein Studium zu schleußen und sie dann in die wilde Welt der Wirtschaft zu entlassen.

Inwiefern dies sinnvoll und erstrebenswert ist, bleibt natürlich selbst überlassen. Allerdings möchte ich mich für Schnitzer und Patzer in Biographien aussprechen. Ich habe selbst sehr lange studiert. Die 8 Jahre an der Universität, an die ich damals relativ jung kam, nutzen mir zum Erwachsenwerden und Selbstfinden. Ich habe nach fünf Semestern den Studiengang gewechselt und könnte darüber nicht glücklicher sein. So wie es nun ist, ist es perfekt. Die Zeit, die man an einer Universität verbringt, kann in großem Maße dazu dienen, sich selbst und seine Berufung zu finden – nicht nur seinen Beruf. Sie dient dazu, Leidenschaften zu entdecken, diese zu vertiefen und anzuwenden, um dann damit arbeiten zu können. Den Raum dazu hat man sonst eher selten.

Vor einiger Zeit war dies also noch vollkommen normal, daß man nicht in Regelstudienzeit abgeschlossen hat. Die Qualität des Studiums war an anderem ersichtlich.

Heute ist ein langes Studium verpönt. Dies äußert sich in den Bemerkungen der Studierenden, die „einfach fertig“ werden wollen. Dabei kann man kaum Interessen entwickeln oder diese vertiefen. Auch bleiben Studenten jung und entwickeln auch hier nicht mehr die Fähigkeiten selbständig zu arbeiten, zu dem auch mal ein Aufdienasefliegen gehört. Fehler dienen dem Lernen. In den neuen Systemen sind diese jedoch nicht so leicht integrierbar. Die Selbständigkeit bringen die jungen Studenten auch aus der Schulzeit kaum noch mit. Schon als Student empfand man diejenigen als lästig, die nicht in der Lage waren selbst zu lesen. In der Dozentenrolle ist dies ebenfalls nicht angenehm. „Seit einer Woche sitze ich an dem Text, aber ich verstehe ihn einfach nicht!“, äußerte letztens eine Studentin gegenüber einem Kollegen. 20 Seiten einfacher Aufsatz sollten auch mit Abiturenglisch lesbar sein. Manche geben auch schon bei deutschen Texten auf – die haben ja Fremdwörter! Das Studium siebt nicht so stark aus, wie man glauben möchte, sodaß auch diese Studenten relativ schnell an ihren Abschluß kommen und mit Erfolg auf den Arbeitsmarkt entlassen werden.

Nach Außen hin haben sie natürlich einen schönen Lebenslauf mit kurzem Studium, sind jung, gebildet, erfolgreich. Wie aussagekräftig diese „lückenlose“ Biographie ist, ist dabei jedoch eine andere Geschichte.

Zum Charakter gehören Lücken einfach dazu. 😉

Mut zur Lücke!

Eure Miss A.

Aufgeschnappt

April 22, 2015 § Hinterlasse einen Kommentar

Mit einem Kaffee machte ich mich heute auf den Weg ins universitäre Büro. Vor dem Gebäude stand eine Gruppe junger Studenten, von denen sich einer laut aufregte. Als ich näher kam hörte ich dann: “ … DA hat man schon mal VERNICHTUNGSGEDANKEN!!!“ In diesem Augenblick bemerkte der Student wohl auch mich und fügte entschuldigend an: „es geht ja nur um einen Menschen!“ In diesem Fall geht das natürlich klar [Ironie], es gibt ja historische Vorbilder…

Wo bin ich?

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